Spiritualität und Kunst
Verlag: TVZ Theologischer Verlag 2008 (www.tvz.ref.ch (http://www.tvz.ref.ch))
ISBN: 3290-2004-69
Wie es dazu kam
Im Sommersemester 2007 führte die theologische Fakultät der Universität Luzern (www.unilu.ch/deu/theologische_fakultaet_2990.aspx/theologische Fakultät der Universität Luzern) eine Vortragsreihe zum Thema Spiritualität und Kunst durch: „Suche nach dem Unbedingten: Spirituelle Spuren in der Kunst“. Neudeutsch formuliert: „The Quest of the Ultimate!“
Religion und Kunst galten lange Zeit als enge Partner. Dann emanzipierte sich in der Moderne die Kunst von der Religion. Doch lässt sich auch heute ein Interesse der Kunst an dem, «was uns unbedingt angeht» (P. Tillich), feststellen: Leben und Tod, Schönheit und Hässlichkeit, Freude und Leid, Angst und Hoffnung sind Themen, die die Kunst und die Spiritualität gleichermaßen umtreiben. Was eint, was trennt Kunst und Religion? Treffen sich gar im Bestreben, das Unaussprechliche sagbar und das Unanschauliche sichtbar zu machen, die Künstlerin und der Mystiker?
Ausschnitt:
„Die Grundannahme dieser Vorlesungsreihe ist, dass Kunst und Spiritualität eng miteinander verflochten sind. Mehr noch: Wenn Kunst ein möglicher Weg auf der Suche nach dem Unaussprechlichen und Unsichtbaren wäre, nach dem Letzten und Höchsten, so würde dies bedeuten, dass Kunst letztlich eine Form von Spiritualität bzw. ein Ausdrucksmittel für Spiritualität wäre.
Das führt uns zur kulturhistorischen Frage nach dem Ursprung der Kunst. Eine auch nur überblicksartige Theoriediskussion zu dieser Frage würde den Rahmen dieser Veranstaltung sprengen , auf die populärste Theorie möchte ich allerdings kurz eingehen: Auf diejenige, die besagt, dass Kunst ursprünglich eine kultische Erscheinung sei. Demnach habe sich die Kunst in ihren verschiedenen Formen aus den vorzeitlichen Kulten und Religionen heraus entwickelt, das künstlerische Schaffen liege also in der Spiritualität des Menschen begründet. Mit dem Blick zurück in die Vergangenheit hoffen wir gleichzeitig, den eigentlichen Kern der Kunst enthüllen zu können, denn der Gedanke, dass die Erforschung des zeitlichen Ursprungs eines Gegenstandes oder Phänomens uns auch näher an dessen eigentlichen Wesenskern zurückführe, scheint überzeugend. Wir denken, die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung enthülle uns gleichzeitig auch den Kern: den Heiligen Gral.
Auf geht’s in die Steinzeit.
(…)
Unsere kurze, oberflächliche Reise durch die europäische und vorderasiatische Geschichte enthüllt tatsächlich eine enge Beziehung zwischen Kunst und Spiritualität bzw. Religion bzw. Kult. Die Verflechtung der beiden Bereiche scheint desto enger, je weiter wir in der Zeit zurückgehen, so dass sich die Theorie zu bestätigen scheint, wonach die Kunst aus der Spiritualität des Menschen heraus entstanden sei, sie also eine Ableitung oder Funktion von Spiritualität bzw. Religion sei. Kunst scheint für die Religion und Spiritualität von Anfang an eine wichtige Funktion zu erfüllen, nämlich diejenige eines Ausdrucks- oder „Transport“mittels. Umgekehrt scheint Religion und Spiritualität für die Kunst ebenfalls zentral zu sein: als Lieferanten von Inhalten, von Symbolen und auch von Publikum.
Religion als PR für Kunst. Und Kunst als PR für Religion.
Allerdings wird es jetzt Zeit für ein grosses Aber: Stimmt das alles wirklich? Oder ist das, was offensichtlich erscheint, etwas zu offensichtlich?
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Wir suchen und entdecken – oder glauben zu entdecken – in vielen Werken eine religiöse oder spirituelle Dimension, sind uns dabei indessen nicht bewusst, dass diese Dimension womöglich nicht im Werk selbst oder in der Schöpferin des Werks liegt, sondern einzig in unseren eigenen Köpfen. Insofern sagt ein Kunstwerk unter Umständen mehr über die religiöse oder spirituelle Seite seines Betrachters aus als über diejenige seiner Schöpferin. Es ist also womöglich nicht die Künstlerin, die das Unaussprechliche sagbar und das Unsichtbare sichtbar macht, sondern der Betrachter, der Zuhörer, der Leser. Womöglich befindet sich nicht der Künstler auf der Suche nach dem Heiligen Gral, sondern die Betrachterin.
(…)
Die blosse Lust am Fantasieren und Fabulieren, am Spielen und am Ausprobieren, am Erfinden und Verändern spielt vermutlich bei den meisten Künstlern eine grössere Rolle, als wir Betrachter oder Leser uns bewusst sind.
Oder profane, materielle Gründe. Damals wie heute müssen Künstler, falls sie nicht wie ich einem anderen Beruf nachgehen und damit Geld verdienen, von ihren Werken leben können. Also sehen sie sich häufig dem Zwang ausgesetzt, Motive und Themen zu wählen, für die jemand bereit ist, Geld zu zahlen. Für Künstler wie Leonardo da Vinci war sehr oft die Kirche der Auftraggeber – also richteten die Künstler ihr Schaffen nach dieser Nachfrage und den Wünschen ihrer Geldgeber aus und malten etwa das Abendmahl.
Die Frage ist durchaus berechtigt, ob Da Vincis berühmtes Gemälde vom Letzten Abendmahl tatsächlich etwas mit seiner eigener Spiritualität zu tun hat oder nicht viel mehr mit der Identität und Geldbörse seines Mäzen. Womit sich die Suche nach angeblich in dem Werk versteckten Codierungen und spirituellen Botschaften sowie die daraus genährten Verschwörungstheorien gleich erübrigen.
Als weiteres Motiv nicht zu unterschätzen ist zudem die Lust an der Provokation. Jeder Künstler strebt nach Aufmerksamkeit, Öffentlichkeit, Anerkennung. Gezielte Provokation ist ein gutes Mittel, um Aufmerksamkeit zu erlangen und um sich zu profilieren. Religiöse Inhalte oder Themen eignen sich erfahrungsgemäss sehr gut für gezielte Provokationen. Somit wird nicht die Kunst instrumentalisiert für religiöse Zwecke, sondern es werden umgekehrt religiöse Inhalte und spirituelle Motive instrumentalisiert für das Streben nach öffentlicher Aufmerksamkeit und Selbstprofilierung, die jedem Künstler und jeder Künstlerin wichtig sind. Etwas, was Künstler mit Politikern gemeinsam haben.
Bezugsquelle:
Dieser Beitrag wurde zusammen mit den Vorträgen von u.a. Bill Viola, Krzysztof Penderecki, Louis Naef und Heinz Stalder, Graham Greene, Patrick Roth und Andrej Tarkowskij und Franz-Xaver Hiestand SJ in einem Buch veröffentlicht, herausgegeben von Prof. Dr. Wolfgang Müller (www.unilu.ch/adressbuch/adressen_und_personen_3134.aspx?MitarbeiterID=95b695d3-7167-11d6-bb76-0008c733e22c/Prof. Dr. Wolfgang Müller), Professor für Dogmatik und Leiter des ökumenischen Instituts der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.
www.amazon.de (www.amazon.de/Suche-nach-dem-Unbedingten-%C3%96kumenischen/dp/3290200469www.amazon.de)